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Thema Taktik

Friday, March 6th, 2009

ABSTRACT

»Des Teufels geschicktester Trick besteht darin, den Menschen zu überzeugen, dass er, der Teufel, nicht existiere.« (Charles Baudelaire)

Taktik ist Aktivität, der Weg zum Ziel durch situationsbezogenes Handeln. Sie erfordert Geschwindigkeit, Kreativität, Wagemut und Verwegenheit. Was zählt, ist das überraschende Moment, die entscheidende Idee. Taktik konzentriert sich auf den Erfolg des Augenblicks.

Taktik ist die Verfolgung eines Plans. Menschen greifen zu einer Taktik, wenn sie beeinflussen wollen. Sie nehmen die Dinge in die Hand, um sie in ihrem Sinne zu lenken. Dies tun sie vorallem im Umgang mit anderen Menschen. Sobald Menschen kommunizieren, handeln sie taktisch und sei es nur, um das Gegenüber auf sich aufmerksam zu machen. Es bedarf nur der 5 Sinne, um auf einen Menschen einzuwirken, ihn zu manipulieren oder zu überlisten.

Taktik ist Geheimwissen und Geheimwissen bedeutet Macht. Taktik ist das Spiel mit dem Nichtwissen. Eine gut durchdachte Taktik ist eine undurchschaubare Taktik.

Taktik ist die Kunst der Anordnung. Es handelt sich um eines der grundlegenden Werkzeuge des Designs, um das Publikum in einer bestimmten Weise zu erreichen. Auch das Publikum arbeitet mit Taktiken, um Design zu verstehen, mit ihm umzugehen und es zu nutzen.

BESCHREIBUNG

Eine Taktik ist ein planvolles Anstreben eines kurzfristigen Ziels durch situationsbezogenes Handeln. Sie kann von keinem festen Ort ausgehen, sondern hat nur das Terrain des Anderen und muss flexibel sein, um sich gegebenen Umständen anpassen zu können. Eines der wichtigsten Prinzipien des taktischen Handelns ist die Wahrung der Geheimhaltung, denn Taktik ist darauf angewiesen, mit den Kräften der Macht, Alleinwissender zu sein, zu spielen.

Mit dem Begriff Taktik sei auch die Strategie erwähnt: Sie bezieht sich im Allgemeinen auf ein übergeordnetes Ziel, ist Entwurf und Durchführung eines Gesamtkonzepts, eines langfristigen, umfassenden Plans, während die Taktik sich mit den Einzelschritten befasst. Taktisches bleibt auf den Erfolg im Augenblick begrenzt, Strategen dagegen sind bereit für die situationsübergreifende Zielverfolgung den Erfolg des Augenblicks außer Acht zu lassen. Die Taktik ist als aktuelle Aktivität Teil der Strategie, des »großen Plans über allem« (Carl von Clausewitz).
Der Erfolg von Taktiken liegt nicht nur im Wissen um das Vorhaben und Vorgehen, sondern auch im Einsatz von unerwarteten Elementen wie Täuschung, Verschleierung, Geschwindigkeit, Kreativität, Wagemut und Verwegenheit.

»Eile dorthin, wo dich der Gegner am wenigsten erwartet« (Sunzi Sun Tzu)

In diesem Zusammenhang ist das Strategem ein interessantes Mittel: eine List, ein Trick, eine schlaue, ausgefallene, unkonventionelle Art der Problemlösung. Es ist nicht unbedingt mit Täuschung gleichzustellen, sondern eher neutral zu sehen, als überraschendes Moment, als eine entscheidende Idee. Schon der Köder an der Angel ist ein Beispiel für die erfolgreiche Anwendung einer List, nämlich etwas zu geben, um etwas größeres zu bekommen. In China ist die Fähigkeit Strategeme zu durchschauen und anzuwenden hoch geachtet und wird als Lehre fürs Leben in einem Katalog der 36 Strategeme als Wissen vermittelt. In Europa dagegen gilt die List als Betrug, etwas Verwerfliches, was oft zur sogenannten Listblindheit führt, weil man nicht sehen will oder nicht fähig ist zu durchschauen.

»Wer anderen eine Grube gräbt« wird bekannterweise mit Folgen rechnen müssen, wenn die Taktik nicht gut durchdacht oder zu offensichtlich ist. Auf dem Markt finden sich zahlreiche Beispiele, die gutgemeinte Werbetaktiken plump und unglaubwürdig wirken lassen und dadurch mehr Schaden als Nutzen anrichten. Denn ist eine taktische Maßnahme vom Rezipienten erst einmal aufgedeckt, wird er fortan wahrscheinlich umso misstrauischer, vorsichtiger und unerreichbarer sein. Oder ist es vielleicht gerade die Taktik des durchschaubaren Geschichtenerzählens, die in eine Traumwelt rettet; das offenkundige Präsentieren der eigenen Cleverness, vor der das Publikum auf die Knie fällt?

»Die Sprache ist Verhexung des Geistes.« (Ludwig Wittgenstein)

Ein ähnlich zu verstehender taktischer Kunstgriff ist die Manipulation, ein unbemerktes Einflussnehmen auf die Meinung, das Denken, das Handeln und auf die Überzeugungen anderer. Manipulation ist so sehr Teil des Menschseins, dass eine These in der Verhaltenspsychologie, laut der Menschen manipulieren sobald sie kommunizieren, durchaus ihre Berechtigung hat. Auch im einfachsten Kommunikationsmodell hat der Sender eine Absicht, die er erreichen oder sogar durchsetzen will. Manipulation ist also eine alltägliche Vorgehensweise und stellt lediglich Beeinflussung dar. Sie ist demnach nicht negativ zu bewerten. Erst der Zweck und die Eindringlichkeit der Manipulation, z.B. bei Schockwerbung und Guerilla-Marketing, kann eine Wertung ermöglichen.
In Politik und Wirtschaft wird über Werbung und auch die Veröffentlichung statistischer Zahlen, meist in Form geschönter Grafiken, manipuliert was das Zeug hält, um des Menschen Interesse zu wecken, eine allgemeine Meinung zu konstruieren, Sympathie zu erhaschen oder auch Gegenstimmen auszuschalten.

Im Allgemeinen bedarf es nur der 5 Sinne des Menschen als Zugangsmöglichkeiten. Dabei ist das Wissen um die Funktion und Fähigkeiten des Gehirns zu assoziieren, zu erinnern und wahrzunehmen eine wesentliche Grundlage. So nutzt eine japanische Firma ihre Klimaanlage als eine Art Geruchskontrollsystem: An verschiedenen Tageszeiten werden unterschiedliche Gerüche freigesetzt, um damit die Produktivität der Mitarbeiter zu steigern. Zitronenduft am Morgen macht munter, blumige Düfte fördern die Konzen-tration und Waldgeruch entspannt kurz vor Feierabend.

Körpersprache ist die Manipulationstechnik, die sich am einfachsten und am schnellsten erlernen und beherrschen lässt. Ein gutes Beispiel für den manipulativen Einsatz des Körpers ist eine besondere Verkaufstaktik, und zwar die des »Schrittmacher seins«: Durch das Spiegeln von Gesten, Sprachweisen, ja sogar Atemrhythmen eines Gegenübers kann eine einfühlsame Beziehung vorgegaukelt und Vertrauen geschaffen werden. Indem der taktisch Handelnde nach und nach die Spiegelung umkehrt, das sich in Sicherheit wiegende Gegenüber also dazu verleitet zu spiegeln, geht die Führung auf den Taktiker über und kann manipulativ genutzt werden. (»Der Anschlag auf die Psyche«, Douglas Rushkoff)

Um taktisches Handeln in seiner ganzen Bandbreite erfassen zu können, gilt es, vorallem Grundlegendes zu erforschen: Wo beginnt taktisches Handeln überhaupt? Geschieht es immer bewusst? Oder verfolgt man ohnehin mit jeder Handlung ein Ziel, zu dessen Erreichen es einer Taktik bedarf?

Auch der Designer im kreativen Prozess kommt kaum ohne Taktiken aus. Eine typische Variante solchen taktischen Handelns ist das Mind Mapping. Die Mind Map ist ein Ausdruck radialen Denkens und eine natürliche Funktion des menschlichen Geistes. Sie stellt eine wirksame grafische Technik dar, die Beziehungen zwischen verschiedenen Begriffen aufzeigt; ist ein Universalschlüssel für die Erschließung unseres Gehirnpotentials. Mithilfe aller verfügbaren Mittel des Gehirns, wie Farbensehen, Vorstellungsvermögen, Mehrdimensionalität, räumliches Bewusstsein und Assoziation kann man Mind Maps intensivieren. Dies fördert die Kreativität, das Gedächtnis und speziell den Rückruf von Infos.

Taktik als Kunst der Anordnung ist eines der grundlegenden Werkzeuge des Designs, um Aufmerksamkeit zu erregen, etwas interessanter und greifbarer zu machen; ob subtil oder mit lautem Geschrei. Design kann aber ebenso Mittel einer Taktik sein (z.B. Propaganda). Auch das Publikum bedient sich unterschiedlichster Taktiken im Umgang mit Design und Design kann dem Publikum auch Taktiken anbieten. So erscheinen Taktik und Design als hochinteressantes Ensemble, das den Aufwand einer näheren Betrachtung durchaus lohnt und dem es Kreativität, Wagemut und Verwegenheit zu entlocken gilt.

In meiner Arbeit möchte ich Taktiken möglichst unkonventioneller Art entwickeln und anwenden, aber auch das Publikum in Situationen versetzen, die taktisches Handeln und Denken erfordern. In Anbetracht dessen, dass der Mensch heutzutage eher passiv ist und so vieles einfach hinnimmt, ist es für mich interessant, wie weit ich gehen kann oder sogar muss, um ihn zu erreichen. Ich möchte experimentieren und spielen, mit dem Geheimen wie dem Offensichtlichen, mit dem Leisen, aber auch dem Lauten.

RECHERCHE

Die Kunst der List, Harro von Senger
»In der Tat gibt es eine Welt, aber viele Wirklichkeiten. Welche Wirklichkeit man sieht, hängt nicht zuletzt vom Schlüsselloch ab, durch das man blickt. [...] Eine neue Brille soll der Leserschaft vorliegender Einweisung in die Kunst der List angepasst werden, die strategemische. Vielleicht spräche man besser von einem strategemischen Scherenfernrohr, mit dem man um die Ecken auf tote Winkel schauen kann. Oder von einem strategemischen Scheinwerfer, der auf die vermeintlich vertraute Welt ein ungewohntes Licht wirft und ›die im Dunkeln‹, die man [...] nicht sieht, ausleuchtet.«

Der Macht-Code, Reiner Neumann, Alexander Ross

»Es gibt eine Vielzahl von Techniken und Taktiken, die uns gezielt in die Irre führen können. Zum Beispiel die Kontrolle über Informationen, über Handlungen, über Situationen und Abläufe, über Regeln und Verfahren, über Beziehungen und Netzwerke, über die Selbstdarstellung des Manipulators. [...] Wenn einzelne Menschen die Möglichkeit haben das Verhalten oder das Denken anderer Menschen in ihrem Sinne zu beeinflussen, so nennt man dies Macht. [...] Manipulation kommt dann ins Spiel, wenn jemand Macht über uns ausübt, wir dies jedoch nicht bemerken oder nicht als Einflussnahme erkennen.«

Die Logik der Unvernunft, László Mérö

»Es regnet in Strömen. Missmutig traben Sie zur Bushaltestelle und schwören sich, dieses Mal ein Taxi zu nehmen, wenn der Bus nicht sofort kommt. Doch Sie bleiben stehen und warten. Schließlich ringen Sie sich durch und halten ein Taxi an. Triefend naß steigen Sie ein und sehen gerade noch, wie der Bus sich der Haltestelle nähert. Haben Sie sich optimal entschieden?Mit dem [...] Buch stellt Merö nicht nur die Grundlagen der Spieltheorie vor, sondern widmet sich auf überaus amüsante Weise dem Zusammenhang zwischen Logik und Psychologie im menschlichen Verhalten.«

So lügt man mit Statistik, Walter Krämer
»Man strecke vertikal und stauche horizontal, bis sich aus dem eigentlichen Werteflachland ein dramatisches Wertegebirge erhebt. Sodann kaschiere man dieses Vorgehen, indem ein Teil der senkrechten Achse abgeschnitten wird, ohne darauf einen Hinweis zu geben.«

Das Mind-Map-Buch, Tony und Barry Buzan
»Eine Mind Map strahlt immer von einem Zentralbild aus. Jedes Wort und jedes Bild wird in sich selbst ein untergeordneter Mittelpunkt von Assoziationen, das Ganze wird zu einem Glied einer potentiell unendlichen Kette, die sich vom gemeinsamen Mittelpunkt weg zu ihm hin verzweigen.«

QUELLEN

Harro von Senger: Die Kunst der List - Strategeme durchschauen und anwenden. 4. Aufl. 2004, Verlag C. H. Beck oHG, München, 2001
Douglas Rushkoff: Der Anschlag auf die Psyche - Wie wir ständig manipuliert werden. Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, Stuttgart, 2000
Werner Kroeber-Riel: Strategie und Technik der Werbung. 4. Aufl. 1993, W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart, 1988
Reiner Neumann, Alexander Ross: Der Macht-Code - Spielregeln der Manipulation. Carl Hanser Verlag, München, 2007
Tony Buzan, Barry Buzan: Das Mind-Map-Buch. mvg-verlag, Landsberg am Lech, 1996
Walter Krämer: So lügt man mit Statistik. 8. Aufl. 1998, Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main, 1991
László Mérö: Die Logik der Unvernunft - Spieltheorie und die Psychologie des Handelns. 4. Aufl. 2004, Rowohlt Verlag, Berlin, 2004